Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.
Wirkweise
Evidenzkarte: 9-Me-BC
β-Carboline kommen unter anderem in gebratenem Fleisch, Tabakrauch und im menschlichen Gehirn vor und galten lange vor allem als mögliche Nervengifte [1]. In primären Kulturen aus dem Mittelhirn erhöhte 9-Me-BC jedoch die Zahl ausdifferenzierter Dopaminneurone und die Expression von Genen der Dopamin-Differenzierung, darunter Tyrosinhydroxylase und Dopamintransporter; Zelltod und Entzündungsgene nahmen ab [1]. Folgearbeiten derselben Gruppe zeigten, dass die Tyrosinhydroxylase-Expression in bereits vorhandenen DOPA-Decarboxylase-positiven Neuronen angeregt wird, abhängig von Tyrosinkinasen; außerdem schützte 9-Me-BC Dopaminneurone in Kultur gegen Gifte, dämpfte Mikroglia und senkte α-Synuclein [2].
In Astrozytenkulturen wird die Wirkung offenbar zum Teil über organische Kationentransporter vermittelt, nicht über den Dopamintransporter; 9-Me-BC regt über den PI3K-Signalweg die Expression neurotropher Faktoren wie BDNF und Artemin an und hemmt die Monoaminoxidase A (IC50 1 µM) stärker als die MAO-B (IC50 15,5 µM) [3]. In menschlichen Mitochondrien hemmte es die MAO-B-abhängige Umwandlung des Parkinson-Gifts MPTP (IC50 7,3 µM) [4]. Bei Ratten mit einer durch das Gift MPP+ ausgelösten Dopamin-Schädigung normalisierte eine 14-tägige Gabe in die Hirnkammer Dopamin im Striatum und die Zahl der Dopaminneurone, steigerte die Aktivität von Komplex I der Atmungskette um etwa 80 % und erhöhte neurotrophe Faktoren [5]. Nach zehntägiger Gabe lernten Ratten in einem räumlichen Labyrinth besser, hatten mehr Dopamin im Hippocampus und komplexere Dendriten [6].
Ein offener Punkt ist die Verwandtschaft zu Nervengiften: β-Carboline, die an beiden Stickstoffatomen methyliert sind, hemmen die Atmungskette ähnlich stark wie MPP+, und Hirnenzyme können diese Methylierung durchführen [7]. In menschlichem Hirngewebe wurde die Methylierung am zweiten Stickstoff mit 9-Methylnorharman, also 9-Me-BC, als Substrat gemessen [8]. Das Produkt 2,9-Dimethyl-β-carbolinium schädigte bei Ratten Dopaminneurone [9]. Ob nach Einnahme von 9-Me-BC nennenswert davon entsteht, ist nicht untersucht.
Angriffspunkte
| Ziel | Typ | Wirkung | Kennwert | Evidenz |
|---|---|---|---|---|
| Monoaminoxidase A | Enzym | Hemmer | IC50 1 µM (Labor) | Labor[3] |
| Monoaminoxidase B | Enzym | Hemmer | IC50 15,5 µM (Labor); MPTP-Oxidation in menschlichen Mitochondrien IC50 7,3 µM | Labor[3][4] |
| Tyrosinhydroxylase | Enzym | Expression ↑ | in Zellkultur; Zahl TH-positiver Neurone im Rattenmodell normalisiert | Tierversuch[1][2][5] |
| PI3K-Signalweg | Signalweg | Aktivator | vermittelt Expression neurotropher Faktoren (Astrozyten) | Labor[3] |
| Organische Kationentransporter (OCT) | Transporter | Bindung | vermittelt vermutlich einen Teil der Wirkung auf Astrozyten | Labor[3] |
Wirkprofil
- DopaminMehr Dopamin im Hippocampus von Ratten; Dopamin nach MPP+-Schädigung normalisiert; MAO-Hemmung im Labor[3][5][6]
- Noradrenalin
- Serotonin
- Acetylcholin
- Glutamat · AMPA
- Glutamat · NMDA
- GABA
- Histamin
- Orexin
- Adenosin
- Opioide
- Melatonin
- NeurotrophineBDNF und weitere neurotrophe Faktoren im Rattenstriatum und in Astrozyten erhöht[3][5]
- Durchblutung
- Stickstoffmonoxid
- EnergiestoffwechselAktivität von Komplex I um etwa 80 % erhöht (Ratte nach MPP+)[5]
- Insulin · Glukose
- Entzündung · oxidativWeniger Mikroglia-Vermehrung und Entzündungszytokine in Zellkultur[1][2]
- Stressachse
- Testosteron-Achse
- Endocannabinoide
- Autophagie · Seneszenz
- Immunsystem
- Lipidstoffwechsel
- Gerinnung · Fibrinolyse
- Methylierung
Studien am Menschen
Keine Studien am Menschen gefunden.
Risiken und Warnhinweise
Keine Daten am Menschen
Weder Verträglichkeit noch Sicherheit wurden je am Menschen untersucht.
Keine Daten
Mögliche Umwandlung in ein Nervengift
Doppelt N-methylierte β-Carboline sind bei Ratten neurotoxisch [7][9]; menschliches Hirngewebe methyliert 9-Me-BC im Labor am zweiten Stickstoff [8]. Ob das nach Einnahme in relevantem Maß geschieht, ist unbekannt; in Zellkultur schützte 9-Me-BC sogar gegen das dimethylierte Produkt [2].
Labor
Lichtempfindlichkeit
9-Methyl-β-Carboline sind wirksame Photosensibilisatoren: Unter UVA-Licht schädigten sie DNA im Labor [10]. Daten an Haut oder Mensch fehlen.
Labor
Unkontrollierte Produkte
Als Forschungschemikalie verkauft; amtliche Labore fanden es in einem Produkt mit unklarer Deklaration [11].
Keine Daten
Wechselwirkungen
- Serotonerge Arzneimittel, MAO-Hemmer, tyraminreiche Nahrung: Nicht untersucht. Wegen der MAO-A-Hemmung im Labor [3] sind Wechselwirkungen wie bei MAO-Hemmern denkbar.
Faktencheck: verbreitete Behauptungen
- nicht belegt
„9-Me-BC verbessert Lernen und Gedächtnis“
Nur bei Ratten gezeigt (räumliches Lernen nach zehntägiger Gabe) [6]; keine Studie am Menschen.
- teilweise belegt
„9-Me-BC erhöht Dopamin und lässt Dopaminneurone wachsen“
In Zellkultur und bei Ratten gezeigt [1][2][5][6]; beim Menschen nicht untersucht.
- teilweise belegt
„9-Me-BC ist ein MAO-Hemmer“
Im Labor hemmt es MAO-A (IC50 1 µM) und schwächer MAO-B [3][4]; ob das nach Einnahme relevant ist, ist unbekannt.
- teilweise belegt
„Unter 9-Me-BC sollte man UV-Licht meiden“
9-Methyl-β-Carboline schädigen unter UVA-Licht DNA im Labor [10]; ob Hautreaktionen beim Menschen auftreten, ist nicht untersucht.
Pharmakokinetik
- Aufnahme
- Beim Menschen nicht untersucht.
- Halbwertszeit
- Nicht untersucht.
- Abbau
- Nicht untersucht; menschliches Hirngewebe kann 9-Me-BC im Labor am zweiten Stickstoff methylieren [8].
- Weg ins Gehirn
- Nicht direkt gemessen; im Rattenversuch wirkte es nach Gabe in die Hirnkammer [5] und erhöhte Dopamin im Hippocampus [6].
Rechtlicher Status
- Deutschland
- Kein Arzneimittel; in der EU als Forschungschemikalie eingestuft [11].
- EU
- Forschungschemikalie ohne Zulassung; in einer Marktüberwachung amtlicher Arzneimittellabore einmal in einem Produkt gefunden [11].
- USA
- Keine Zulassung bekannt; nicht verifiziert.
- Andere Länder
- Sport: Status unklar; in einer Marktanalyse als Substanz geführt, die vermutlich die WADA-Kriterien für verbotene Stoffe erfüllt [12].
Verwandte Substanzen
Offene Fragen
- Wird 9-Me-BC im menschlichen Körper zu 2,9-Dimethyl-β-carbolinium methyliert, und in welchem Ausmaß?
- Lassen sich die Effekte auf Dopaminneurone von unabhängigen Gruppen wiederholen?
- Wie verhält sich 9-Me-BC beim Menschen (Aufnahme, Halbwertszeit, Verträglichkeit)?
Referenzen
- Hamann J, Wernicke C, Lehmann J, Reichmann H, Rommelspacher H, Gille G. 9-Methyl-beta-carboline up-regulates the appearance of differentiated dopaminergic neurones in primary mesencephalic culture. Neurochem Int. 2008;52(4–5):688–700. doi:10.1016/j.neuint.2007.08.018 · PubMed
- Polanski W, Enzensperger C, Reichmann H, Gille G. The exceptional properties of 9-methyl-beta-carboline: stimulation, protection and regeneration of dopaminergic neurons coupled with anti-inflammatory effects. J Neurochem. 2010;113(6):1659–75. doi:10.1111/j.1471-4159.2010.06725.x · PubMed
- Keller S, Polanski WH, Enzensperger C, Reichmann H, Hermann A, Gille G. 9-Methyl-β-carboline inhibits monoamine oxidase activity and stimulates the expression of neurotrophic factors by astrocytes. J Neural Transm (Vienna). 2020;127(7):999–1012. doi:10.1007/s00702-020-02189-9 · PubMed
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- Wernicke C, Hellmann J, Zieba B, Kuter K, Ossowska K, Frenzel M, et al. 9-Methyl-beta-carboline has restorative effects in an animal model of Parkinson's disease. Pharmacol Rep. 2010;62(1):35–53. doi:10.1016/s1734-1140(10)70241-3 · PubMed
- Gruss M, Appenroth D, Flubacher A, Enzensperger C, Bock J, Fleck C, et al. 9-Methyl-β-carboline-induced cognitive enhancement is associated with elevated hippocampal dopamine levels and dendritic and synaptic proliferation. J Neurochem. 2012;121(6):924–31. doi:10.1111/j.1471-4159.2012.07713.x · PubMed
- Collins MA, Neafsey EJ, Matsubara K, Cobuzzi RJ Jr, Rollema H. Indole-N-methylated beta-carbolinium ions as potential brain-bioactivated neurotoxins. Brain Res. 1992;570(1–2):154–60. doi:10.1016/0006-8993(92)90576-u · PubMed
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Wie dieses Profil geprüft wurde
Stand: 2026-10-23. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.
Geprüft
- Alle 12 DOIs über Crossref und alle PMIDs über PubMed mit tools/pruefe_profile.py aufgelöst.
- Abstracts: Differenzierung, TH/DAT-Gene, weniger Zelltod [1]; TH in DDC-positiven Neuronen, Tyrosinkinasen, Schutz, Mikroglia, α-Synuclein [2]; OCT statt DAT, BDNF/Artemin, PI3K, MAO-A 1 µM, MAO-B 15,5 µM [3]; MPTP-Oxidation 7,3 µM [4]; MPP+-Modell, 14 Tage, Komplex I ≈ +80 %, BDNF [5]; 10 vs. 5 Tage, Radiallabyrinth, Hippocampus-Dopamin [6]; Di-N-Methylierung, Hirnenzyme [7]; 9-Methyl-NH als Substrat in menschlichem Hirn [8]; Neurotoxizität von 2,9-Me2-BC+ [9]; UVA-DNA-Schäden [10].
- Im Volltext [11], Tabelle A1: 9-MBC einmal gefunden, Status „Research chemical“; [12], Tabelle 6: 9-Me-BC als „presumed to meet WADA criteria“.
- PubMed: 14 Treffer zu 9-Methyl-β-carbolin; ClinicalTrials.gov: 0 Einträge (23.10.2026).
Nicht verifiziert
- Ob 9-Me-BC nach oraler Aufnahme beim Menschen oder Tier zu 2,9-Dimethyl-β-carbolinium umgewandelt wird.
- Rechtlicher Status in Deutschland jenseits der Einordnung als Forschungschemikalie nicht geprüft.
- Die Erratum-Notiz zu [3] (J Neural Transm 2022) wurde nicht inhaltlich geprüft.
Keine Dosierungen, keine Bezugsquellen. Diese Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung.
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