Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.
Wirkweise
Evidenzkarte: Dihexa
Dihexa (N-Hexanoyl-Tyr-Ile-(6)-aminohexansäureamid) leitet sich vom Angiotensin-IV-Analogon Nle1-Angiotensin-IV ab, dessen Wirkung im Tierversuch in den drei ersten Aminosäuren steckt. Durch Abwandlungen an beiden Enden sollte es stabiler gegen Abbau werden, über den Mund wirken und die Blut-Hirn-Schranke passieren. In der Erstbeschreibung hob es bei Ratten durch Scopolamin ausgelöste Gedächtnisdefizite und Defizite alter Tiere im Wasserlabyrinth auf und förderte in Zellkultur die Bildung von Synapsen [1]. Die Zeitschrift veröffentlichte 2021 einen Bedenkenhinweis zu dieser Arbeit [2].
Als Mechanismus beschrieb dieselbe Arbeitsgruppe 2014, Dihexa binde mit hoher Affinität an den Hepatozyten-Wachstumsfaktor (HGF) und verstärke so die Aktivierung von dessen Rezeptor c-Met; ein HGF-Gegenspieler im Gehirn hob die Lerneffekte auf [3]. Diese Arbeit wurde 2025 zurückgezogen [4]; den Grund konnten wir nicht prüfen. Die Arbeitsgruppe selbst beschreibt, dass die Identität des zugrunde liegenden Angiotensin-IV-Rezeptors (AT4) umstritten ist: Andere Gruppen halten ihn für die insulinregulierte Aminopeptidase (IRAP) [5]. Mehrere Beteiligte waren zugleich bei der Firma M3 Biotechnology tätig [5].
Unabhängige Daten sind spärlich. Eine chinesische Gruppe fand bei Alzheimer-Mäusen (APP/PS1) bessere Leistungen im Wasserlabyrinth, weniger aktivierte Gliazellen und Entzündungsbotenstoffe sowie eine Aktivierung von PI3K/AKT; ein PI3K-Hemmer hob die entzündungshemmende Wirkung auf [6]. In Zebrafischlarven schützte Dihexa Sinneshaarzellen vor Antibiotika-Schäden, abgeschwächt durch einen HGF-Gegenspieler [7]. In einem Huntington-Modell bei Ratten schützte Dihexa dagegen nicht [8]. Ein systematischer Review zu Angiotensin IV und seinen Analoga bewertet nur Tierstudien [9].
Angriffspunkte
| Ziel | Typ | Wirkung | Kennwert | Evidenz |
|---|---|---|---|---|
| Hepatozyten-Wachstumsfaktor (HGF) / c-Met | Signalweg | positiver Modulator | Labor[3][4][7] | |
| PI3K/AKT-Signalweg | Signalweg | Aktivator | Tierversuch[6] | |
| AT4-Rezeptor (Identität umstritten, evtl. IRAP) | Rezeptor | Bindung | Labor[5] |
Wirkprofil
- Dopamin
- Noradrenalin
- Serotonin
- Acetylcholin
- Glutamat · AMPA
- Glutamat · NMDA
- GABA
- Histamin
- Orexin
- Adenosin
- Opioide
- Melatonin
- NeurotrophineHGF/c-Met-Verstärkung (Schlüsselarbeit zurückgezogen); mehr Synapsen in Zellkultur, PI3K/AKT-Aktivierung bei Alzheimer-Mäusen[1][3][4][6]
- Durchblutung
- Stickstoffmonoxid
- Energiestoffwechsel
- Insulin · Glukose
- Entzündung · oxidativweniger IL-1β und TNF-α, mehr IL-10 bei Alzheimer-Mäusen[6]
- Stressachse
- Testosteron-Achse
- Endocannabinoide
- Autophagie · Seneszenz
- Immunsystem
- Lipidstoffwechsel
- Gerinnung · Fibrinolyse
- Methylierung
Studien am Menschen
Keine Studien am Menschen gefunden.
Risiken und Warnhinweise
Keine Sicherheitsdaten am Menschen
Dihexa wurde nie in einer klinischen Studie geprüft; Verträglichkeit und Langzeitfolgen sind unbekannt.
Keine Daten
Theoretisches Krebsrisiko über HGF/MET
Das HGF/MET-System ist an Zellwachstum, Gefäßneubildung und Metastasierung von Tumoren ursächlich beteiligt [10]. Ein Stoff, der dieses System verstärken soll, könnte daher theoretisch Tumorwachstum fördern; für Dihexa selbst gibt es dazu keine Daten.
Keine Daten
Fragwürdige Datenbasis
Die Mechanismusarbeit wurde zurückgezogen [4], die Erstbeschreibung trägt einen Bedenkenhinweis [2]; Aussagen zu Wirkung und Mechanismus sind entsprechend unsicher.
Keine Daten
Faktencheck: verbreitete Behauptungen
- nicht belegt
„Dihexa ist millionenfach stärker als BDNF“
In den geprüften Abstracts findet sich kein solcher Vergleich (Volltexte nicht abrufbar); die Mechanismusarbeit zu HGF ist zurückgezogen [3][4].
- teilweise belegt
„Dihexa bildet neue Synapsen und verbessert das Gedächtnis“
Synapsenbildung in Zellkultur und bessere Labyrinth-Leistungen in Tiermodellen mit Defiziten [1][6], teils aus Arbeiten mit Bedenkenhinweis [2]; ein unabhängiges Huntington-Modell zeigte keinen Nutzen [8]. Keine Daten am Menschen.
- nicht belegt
„Dihexa wirkt über HGF/c-Met“
Die Schlüsselarbeit wurde zurückgezogen [3][4]; nur indirekte Hinweise aus einem Zebrafischmodell derselben Arbeitsgruppe [7].
- nicht belegt
„Dihexa ist sicher, weil es aus einem körpereigenen Hormon abgeleitet ist“
Es gibt keine Sicherheitsstudien; der postulierte Angriffspunkt HGF/MET ist ein bekannter Treiber von Tumorwachstum [10].
Pharmakokinetik
- Aufnahme
- Laut Entwicklergruppe über den Mund wirksam (Tierversuch) [1].
- Halbwertszeit
- Beim Menschen nicht untersucht.
- Abbau
- Chemisch gegen enzymatischen Abbau stabilisiert (Tierversuch) [1].
- Weg ins Gehirn
- Laut Entwicklergruppe hirngängig (Tierversuch) [1].
Rechtlicher Status
- Deutschland
- Keine Zulassung bekannt; nicht in Arzneimittelregistern geprüft.
- EU
- Keine Zulassung bekannt; nicht verifiziert.
- USA
- Keine Zulassung bekannt; kein Eintrag in ClinicalTrials.gov (23.10.2026).
- Andere Länder
- Keine Zulassung in irgendeinem Land bekannt; nicht verifiziert.
Offene Fragen
- Warum wurde die Mechanismusarbeit zurückgezogen, und welche Befunde der Erstbeschreibung sind vom Bedenkenhinweis betroffen?
- Lassen sich die Lerneffekte in unabhängigen, verblindeten Tierstudien wiederholen?
- Bindet Dihexa tatsächlich an HGF, an IRAP oder an ein anderes Zielmolekül?
Referenzen
- McCoy AT, Benoist CC, Wright JW, Kawas LH, Bule-Ghogare JM, Zhu M, et al. Evaluation of metabolically stabilized angiotensin IV analogs as procognitive/antidementia agents. J Pharmacol Exp Ther. 2013;344(1):141–54. doi:10.1124/jpet.112.199497 · PubMed
- Notice of concern: McCoy AT, Benoist CC, Wright JW, Kawas LH, Bule-Ghogare JM, Zhu M, Appleyard SM, Wayman GA, and Harding JW (2013) Evaluation of metabolically stabilized angiotensin IV analogs as procognitive/antidementia agents, J Pharmacol Exp Ther, 344: 141–154. J Pharmacol Exp Ther. 2021;378(3):313. doi:10.1124/jpet.112.199497concern · PubMed
- Benoist CC, Kawas LH, Zhu M, Tyson KA, Stillmaker L, Appleyard SM, et al. The procognitive and synaptogenic effects of angiotensin IV-derived peptides are dependent on activation of the hepatocyte growth factor/c-met system. J Pharmacol Exp Ther. 2014;351(2):390–402. Retracted in: J Pharmacol Exp Ther. 2025;392(4):103567. doi:10.1124/jpet.114.218735 · PubMed
- Benoist CC, Kawas LH, Zhu M, Tyson KA, Stillmaker L, Appleyard SM, et al. Retraction notice to “The procognitive and synaptogenic effects of angiotensin IV-derived peptides are dependent on activation of the hepatocyte growth factor/c-Met system” [J Pharmacol Exp Ther 351 (2014) 390–402]. J Pharmacol Exp Ther. 2025;392(4):103567. doi:10.1016/j.jpet.2025.103567 · PubMed
- Wright JW, Kawas LH, Harding JW. The development of small molecule angiotensin IV analogs to treat Alzheimer’s and Parkinson’s diseases. Prog Neurobiol. 2015;125:26–46. doi:10.1016/j.pneurobio.2014.11.004 · PubMed
- Sun X, Deng Y, Fu X, Wang S, Duan R, Zhang Y. AngIV-analog dihexa rescues cognitive impairment and recovers memory in the APP/PS1 mouse via the PI3K/AKT signaling pathway. Brain Sci. 2021;11(11):1487. doi:10.3390/brainsci11111487 · PubMed
- Uribe PM, Kawas LH, Harding JW, Coffin AB. Hepatocyte growth factor mimetic protects lateral line hair cells from aminoglycoside exposure. Front Cell Neurosci. 2015;9:3. doi:10.3389/fncel.2015.00003 · PubMed
- Wells RG, Azzam AF, Hiller AL, Sardinia MF. Effects of an angiotensin IV analog on 3-nitropropionic acid-induced Huntington’s disease-like symptoms in rats. J Huntingtons Dis. 2024;13(1):55–66. doi:10.3233/JHD-231507 · PubMed
- Ho JK, Nation DA. Cognitive benefits of angiotensin IV and angiotensin-(1-7): a systematic review of experimental studies. Neurosci Biobehav Rev. 2018;92:209–25. doi:10.1016/j.neubiorev.2018.05.005 · PubMed
- Gherardi E, Birchmeier W, Birchmeier C, Vande Woude G. Targeting MET in cancer: rationale and progress. Nat Rev Cancer. 2012;12(2):89–103. doi:10.1038/nrc3205 · PubMed
- Porsteinsson AP, Sabbagh M, Tariot PN, Church KJ, San Martin J, Ooi KC, et al. Fosgonimeton in mild-to-moderate Alzheimer’s disease. J Alzheimers Dis Rep. 2025;9:25424823251405817. doi:10.1177/25424823251405817 · PubMed
Wie dieses Profil geprüft wurde
Stand: 2026-10-23. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.
Geprüft
- Alle DOIs über Crossref aufgelöst, PMIDs passen zu den DOIs.
- Am Abstract: Herleitung aus Nle1-AngIV, Scopolamin- und Altersmodell, Synaptogenese, über den Mund wirksam und hirngängig [1]; Bedenkenhinweis 2021 [2]; HGF-Bindung und c-Met-Aktivierung [3]; Rücknahme 2025 [4]; AT4/IRAP-Kontroverse, Firmenzugehörigkeit (M3 Biotechnology) der Beteiligten [5]; APP/PS1-Mäuse, PI3K/AKT, IL-1β, TNF-α, IL-10 [6]; Zebrafisch-Haarzellen [7]; kein Schutz im 3-NP-Modell [8]; nur Tierstudien im Review [9]; LIFT-AD: primärer und sekundäre Endpunkte verfehlt [11]; HGF/MET kausal an Tumorentstehung beteiligt [10].
- ClinicalTrials.gov: 0 Einträge zu Dihexa (23.10.2026).
Nicht verifiziert
- Grund der Rücknahme [4] und Inhalt des Bedenkenhinweises [2]: Volltexte nicht abrufbar.
- Ob Fosgonimeton chemisch mit Dihexa verwandt ist; hier nur als Wirkstoff mit demselben postulierten Angriffspunkt genannt.
- Die online verbreitete Aussage zur Wirkstärke im Vergleich zu BDNF konnte in keiner geprüften Quelle gefunden werden.
Keine Dosierungen, keine Bezugsquellen. Diese Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung.
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