Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.
Wirkweise
Evidenzkarte: NSI-189
NSI-189 ist ein Benzylpiperazin-Aminopyridin aus dem Umfeld der Firma Neuralstem, deren Beschäftigte an den Studien beteiligt waren. Es regt laut einer Übersichtsarbeit mit Beteiligung des Entwicklers die Neubildung von Nervenzellen aus menschlichen Hippocampus-Stammzellen in Kultur und im Hippocampus von Mäusen an [1]. An welches Molekül NSI-189 bindet, ist in den geprüften Quellen nicht beschrieben. Bei Ratten nach Schlaganfall verbesserte es Motorik und neurologische Defizite und vermehrte Nervenzellfortsätze; in Zellkultur stiegen dabei die Wachstumsfaktoren BDNF und SCF [2].
In Hirnschnitten von Mäusen verstärkte NSI-189 die Langzeitpotenzierung, ein zelluläres Modell des Lernens, verbunden mit einer Aktivierung der Signalwege TrkB und Akt; in einem Mausmodell des Angelman-Syndroms hob es kognitive und motorische Defizite auf und verbesserte die Leistung gesunder Kontrollmäuse leicht [3]. Bei diabetischen Mäusen vergrößerte es das Hippocampusvolumen, schützte das Langzeitgedächtnis und die peripheren Nerven [4]. Nach Bestrahlung des Gehirns verbesserte es bei Ratten vier von fünf Verhaltenstests und senkte die Zahl aktivierter Mikroglia, ohne das Hippocampusvolumen deutlich zu verändern [5]. Bei diabetischen Ratten steigerte es die Aktivität der mitochondrialen Atmungskettenkomplexe I und IV in der Hirnrinde [6]. An allen diesen Tierstudien war der Entwickler beteiligt.
Beim Menschen wurde NSI-189 bei Depression geprüft. In einer kleinen Phase-1B-Studie mit 24 Personen mit Depression war es gut verträglich, die Halbwertszeit lag bei 17,4–20,5 Stunden, und explorative Skalen zu Depression und Kognition verbesserten sich [7]. In der Phase-2-Studie mit 220 Personen verfehlte es den Hauptendpunkt (MADRS) mit beiden Stärken; Selbstauskünfte und einzelne Tests der CogScreen-Batterie fielen besser aus, die Cogstate-Batterie dagegen nicht [8]. Eine nachträgliche Untergruppenanalyse fand Vorteile nur bei mittelschwerer Depression [9].
Angriffspunkte
| Ziel | Typ | Wirkung | Kennwert | Evidenz |
|---|---|---|---|---|
| TrkB-/Akt-Signalweg | Signalweg | Aktivator | Tierversuch[3] | |
| BDNF und SCF | Signalweg | Expression ↑ | Labor[2] | |
| Mitochondriale Atmungskette (Komplex I und IV), AMPK | Enzym | Aktivator | Tierversuch[6] |
Wirkprofil
- Dopamin
- Noradrenalin
- Serotonin
- Acetylcholin
- Glutamat · AMPA
- Glutamat · NMDA
- GABA
- Histamin
- Orexin
- Adenosin
- Opioide
- Melatonin
- Neurotrophinemehr Neubildung von Nervenzellen, TrkB/Akt aktiviert, BDNF in Zellkultur erhöht (Nager)[1][2][3][4]
- Durchblutung
- Stickstoffmonoxid
- EnergiestoffwechselAtmungskettenkomplexe I und IV aktiver, AMPK erhalten (diabetische Ratte)[6]
- Insulin · Glukose
- Entzündung · oxidativweniger aktivierte Mikroglia nach Bestrahlung (Ratte)[5]
- Stressachse
- Testosteron-Achse
- Endocannabinoide
- Autophagie · Seneszenz
- Immunsystem
- Lipidstoffwechsel
- Gerinnung · Fibrinolyse
- Methylierung
Studien am Menschen
Phase 1B bei Depression
Gemessen: Verträglichkeit, Pharmakokinetik; explorativ SDQ, MADRS, CGI-I, CPFQ
Ergebnis: Gut verträglich, keine schweren Nebenwirkungen; SDQ und CPFQ signifikant verbessert. Je Kohorte nur 6 vs. 2 Personen.[7]
Mensch, randomisiert
Phase 2 bei Depression
Gemessen: MADRS (primär); SDQ, CPFQ, QIDS-SR, CogScreen, Cogstate
Ergebnis: Hauptendpunkt verfehlt (Differenz −1,8 bzw. −1,4; p = 0,22 bzw. 0,34). Einzelne Selbstauskünfte und CogScreen-Tests besser, Cogstate nicht.[8]
Mensch, randomisiert
Nachträgliche Untergruppenanalyse der Phase-2-Studie
Gemessen: MADRS-6, CogScreen nach Schweregrad
Ergebnis: Vorteil nur bei mittelschwerer Depression; als nachträgliche Analyse nur hypothesenbildend.[9]
Mensch, randomisiert
Risiken und Warnhinweise
Begrenzte Sicherheitsdaten
In den beiden RCTs mit zusammen rund 240 Personen über bis zu 12 Wochen gut verträglich, ohne schwere Nebenwirkungen in Phase 1B [7][8]. Langzeitsicherheit unbekannt.
Mensch, randomisiert
Unbekannter Angriffspunkt
Woran NSI-189 bindet, ist nicht beschrieben; damit sind auch unerwünschte Wirkungen an anderen Zielen schwer abzuschätzen [1].
Keine Daten
Keine Zulassung, keine geprüften Präparate
Außerhalb klinischer Studien gibt es kein zugelassenes Präparat; Qualität frei verkaufter Ware ist nicht geprüft.
Keine Daten
Faktencheck: verbreitete Behauptungen
- teilweise belegt
„NSI-189 lässt den Hippocampus wachsen und bildet neue Nervenzellen“
Bei Nagern mehr Neubildung und teils größeres Hippocampusvolumen [4][5]; beim Menschen in den geprüften Abstracts nicht gezeigt.
- nicht belegt
„NSI-189 wirkt antidepressiv“
Die Phase-2-Studie verfehlte den Hauptendpunkt [8]; Vorteile zeigten sich nur in Nebenendpunkten und in einer nachträglichen Untergruppe [8][9].
- nicht belegt
„NSI-189 verbessert Gedächtnis und Konzentration bei Gesunden“
Keine Studie an Gesunden; bei Depression verbesserten sich nur einzelne Tests einer Batterie, die andere Batterie zeigte nichts [8].
Pharmakokinetik
- Aufnahme
- Über den Mund (Studien am Menschen und an Nagern) [7].
- Halbwertszeit
- 17,4–20,5 Stunden bei Patienten mit Depression [7].
- Abbau
- Nicht verifiziert.
- Weg ins Gehirn
- Nicht direkt gemessen in den geprüften Quellen; Wirkungen im Gehirn nach Gabe über den Mund bei Nagern [4][5].
Rechtlicher Status
- Deutschland
- Keine Zulassung bekannt; nicht in Arzneimittelregistern geprüft.
- EU
- Keine Zulassung bekannt; nicht verifiziert.
- USA
- Keine Zulassung bekannt; klinisch bis Phase 2 bei Depression untersucht [8].
- Andere Länder
- Nicht verifiziert.
Offene Fragen
- An welches Zielmolekül bindet NSI-189?
- Lassen sich die Tierbefunde ohne Beteiligung des Entwicklers wiederholen?
- Hat NSI-189 bei Gesunden überhaupt einen messbaren Effekt auf Kognition?
Referenzen
- McIntyre RS, Johe K, Rong C, Lee Y. The neurogenic compound, NSI-189 phosphate: a novel multi-domain treatment capable of pro-cognitive and antidepressant effects. Expert Opin Investig Drugs. 2017;26(6):767–70. doi:10.1080/13543784.2017.1324847 · PubMed
- Tajiri N, Quach DM, Kaneko Y, Wu S, Lee D, Lam T, et al. NSI-189, a small molecule with neurogenic properties, exerts behavioral, and neurostructural benefits in stroke rats. J Cell Physiol. 2017;232(10):2731–40. doi:10.1002/jcp.25847 · PubMed
- Liu Y, Johe K, Sun J, Hao X, Wang Y, Bi X, et al. Enhancement of synaptic plasticity and reversal of impairments in motor and cognitive functions in a mouse model of Angelman syndrome by a small neurogenic molecule, NSI-189. Neuropharmacology. 2019;144:337–44. doi:10.1016/j.neuropharm.2018.10.038 · PubMed
- Jolivalt CG, Marquez A, Quach D, Navarro Diaz MC, Anaya C, Kifle B, et al. Amelioration of both central and peripheral neuropathy in mouse models of type 1 and type 2 diabetes by the neurogenic molecule NSI-189. Diabetes. 2019;68(11):2143–54. doi:10.2337/db19-0271 · PubMed
- Allen BD, Acharya MM, Lu C, Giedzinski E, Chmielewski NN, Quach D, et al. Remediation of radiation-induced cognitive dysfunction through oral administration of the neuroprotective compound NSI-189. Radiat Res. 2018;189(4):345–53. doi:10.1667/RR14879.1 · PubMed
- Jolivalt CG, Aghanoori MR, Navarro-Diaz MC, Han MM, Sanchez G, Guernsey L, et al. Enhancement of mitochondrial function by the neurogenic molecule NSI-189 accompanies reversal of peripheral neuropathy and memory impairment in a rat model of type 2 diabetes. J Diabetes Res. 2022;2022:8566970. doi:10.1155/2022/8566970 · PubMed
- Fava M, Johe K, Ereshefsky L, Gertsik LG, English BA, Bilello JA, et al. A phase 1B, randomized, double blind, placebo controlled, multiple-dose escalation study of NSI-189 phosphate, a neurogenic compound, in depressed patients. Mol Psychiatry. 2016;21(10):1372–80. doi:10.1038/mp.2015.178 · PubMed
- Papakostas GI, Johe K, Hand H, Drouillard A, Russo P, Kay G, et al. A phase 2, double-blind, placebo-controlled study of NSI-189 phosphate, a neurogenic compound, among outpatients with major depressive disorder. Mol Psychiatry. 2020;25(7):1569–79. doi:10.1038/s41380-018-0334-8 · PubMed
- Johe KK, Kay G, Kumar S, Burdick KE, McIntyre RS, Papakostas GI, et al. NSI-189 phosphate, a novel neurogenic compound, selectively benefits moderately depressed patients: a post-hoc analysis of a phase 2 study of major depressive disorder. Ann Clin Psychiatry. 2020;32(3):182–96. PubMed
Wie dieses Profil geprüft wurde
Stand: 2026-10-23. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.
Geprüft
- Alle DOIs über Crossref aufgelöst, PMIDs passen zu den DOIs; [9] ohne DOI nur über PMID.
- Am Abstract: Struktur, Neurogenese in vitro und in Mäusen [1]; Schlaganfall-Ratten, BDNF/SCF in vitro [2]; LTP, TrkB/Akt, Angelman, gesunde Mäuse „slightly enhanced“ [3]; Hippocampusvolumen, Gedächtnis, Neuropathie [4]; vier von fünf Tests, Mikroglia, kein deutlicher Volumeneffekt [5]; Komplexe I/IV, AMPK [6]; n = 24, Halbwertszeit 17,4–20,5 h, keine schweren Nebenwirkungen [7]; n = 220, MADRS-Differenzen und p-Werte, CogScreen vs. Cogstate, Beschäftigte von Neuralstem als Mitautoren [8]; Untergruppe MADRS < 30 [9]. Johe K (Neuralstem) ist Mitautor aller Tierstudien.
- ClinicalTrials.gov: 4 Einträge zu NSI-189 (23.10.2026).
Nicht verifiziert
- Ob NSI-189 mit dem Prüfpräparat ALTO-100 (Alto Neuroscience, mehrere Einträge in ClinicalTrials.gov) identisch ist; in den Registereinträgen nicht genannt, daher nicht verwendet.
- Ergebnisse der Phase-1B-Bildgebung (Hippocampusvolumen) beim Menschen; im Abstract nicht berichtet.
- Metabolismus und Hirngängigkeit beim Menschen.
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