Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.
Wirkweise
Evidenzkarte: Brivaracetam
Brivaracetam wurde von UCB gezielt als 4-n-Propyl-Analogon des Levetiracetams entwickelt und bindet in präklinischen Modellen 15- bis 30-fach stärker und selektiver an das synaptische Vesikelprotein SV2A [1]. Im Gehirn von Ratten, Mäusen und Menschen sowie an rekombinantem SV2A band es mit etwa 20-fach höherer Affinität als Levetiracetam; in Gehirnen von SV2A-Knockout-Mäusen fand sich keine spezifische Bindung, und Bindung und Anfallsschutz bei Mäusen verliefen zeitlich und dosisabhängig parallel [2]. Nach Modellrechnungen sollte Brivaracetam in therapeutischen Konzentrationen mehr als 80 % des SV2A im menschlichen Gehirn besetzen [2].
Brivaracetam durchdringt die Blut-Hirn-Schranke deutlich schneller als Levetiracetam: In Nagern trat es rascher ins Gehirn ein und wirkte schneller gegen Anfälle, und bei Rhesusaffen besetzte es SV2A im PET schneller [3]. Zusätzlich wird eine spannungsabhängige Hemmung von Natriumkanälen beschrieben [4]. Abgebaut wird es vor allem durch Hydrolyse zu einer Säure; die Hydroxylierung über CYP2C19 ist ein Nebenweg [5].
In einer großen Phase-3-Studie halbierte sich die Anfallshäufigkeit unter Brivaracetam bei fast doppelt so vielen Menschen wie unter Placebo [6]. In einer Netzwerk-Meta-Analyse gehörte es zu den am besten verträglichen neueren Antiepileptika, Cenobamat war aber wirksamer [7]. Reizbarkeit wird in Beobachtungsstudien seltener berichtet als unter Levetiracetam [8]. Bei Freizeitkonsumierenden dämpfender Substanzen ähnelte das subjektive Profil hoher Einzelgaben dem von Alprazolam [9].
Angriffspunkte
| Ziel | Typ | Wirkung | Kennwert | Evidenz |
|---|---|---|---|---|
| Synaptisches Vesikelprotein 2A (SV2A) | Sonstiges | Bindung | ≈ 20-fach höhere Affinität als Levetiracetam (Ratten-, Mäuse- und Menschenhirn) | Labor[1][2] |
| Spannungsabhängige Natriumkanäle | Ionenkanal | Hemmer | spannungsabhängig (Angabe in der Einleitung von [4]; Originaldaten nicht geprüft) | Labor[4] |
Wirkprofil
- Dopamin
- Noradrenalin
- Serotonin
- Acetylcholin
- Glutamat · AMPA
- Glutamat · NMDA
- GABA
- Histamin
- Orexin
- Adenosin
- Opioide
- Melatonin
- Neurotrophine
- Durchblutung
- Stickstoffmonoxid
- Energiestoffwechsel
- Insulin · Glukose
- Entzündung · oxidativ
- Stressachse
- Testosteron-Achse
- Endocannabinoide
- Autophagie · Seneszenz
- Immunsystem
- Lipidstoffwechsel
- Gerinnung · Fibrinolyse
- Methylierung
Studien am Menschen
Zusatztherapie fokaler Anfälle (Phase 3)
Gemessen: Anfallshäufigkeit, mindestens 50 % weniger Anfälle
Ergebnis: Ansprechen 38,9 % bzw. 37,8 % vs. 21,6 % unter Placebo; Schläfrigkeit 18,1 % vs. 7,7 %.[6]
Mensch, randomisiert
Netzwerk-Meta-Analyse neuerer Antiepileptika
Gemessen: Ansprechen, Nebenwirkungen
Ergebnis: Weniger Nebenwirkungen als Eslicarbazepin; Cenobamat wirksamer als Brivaracetam (OR 2,02).[7]
Mensch, randomisiert
Kognition bei Gesunden
Gemessen: kognitiv-neurophysiologischer Test, neuropsychologische Tests
Ergebnis: Kein Unterschied zu Placebo oder Levetiracetam in irgendeinem Maß; Lorazepam verschlechterte die Leistung.[4]
Mensch, randomisiert
Missbrauchspotenzial
Gemessen: „Drug Liking“, Rauschgefühl, Sedierung
Ergebnis: Therapeutische Einzelgabe mit geringeren Effekten als Alprazolam; supratherapeutische Gaben ähnlich wie Alprazolam.[9]
Mensch, randomisiert
Pharmakokinetik und CYP2C19
Gemessen: Verträglichkeit, Pharmakokinetik
Ergebnis: Gut verträglich, rasche Aufnahme; Clearance bei langsamen CYP2C19-Metabolisierern verringert.[5]
Mensch, randomisiert
Risiken und Warnhinweise
Schläfrigkeit und Schwindel
In der Phase-3-Studie Schläfrigkeit bei 18,1 % gegenüber 7,7 %, Schwindel bei 12,3 % gegenüber 5,0 % und Müdigkeit bei 9,5 % gegenüber 3,8 % unter Placebo; Abbrüche wegen Nebenwirkungen 6,8–8,3 % vs. 3,8 % [6].
Mensch, randomisiert
Verhaltensbezogene Nebenwirkungen
Reizbarkeit in Beobachtungsstudien im gewichteten Mittel bei 5,6 % (Levetiracetam 9,9 %); die Übersicht wurde unter Beteiligung des Herstellers erstellt, die Raten wurden nicht statistisch verglichen [8].
Mensch, nicht randomisiert
Missbrauchspotenzial in hohen Gaben
Supratherapeutische Einzelgaben erzeugten bei erfahrenen Konsumierenden ein ähnliches „Drug Liking“ wie Alprazolam [9].
Mensch, randomisiert
Wechselwirkungen
- Levetiracetam: Gleicher Angriffspunkt; eine Expertenkonsensus-Arbeit hält die Kombination für nicht angezeigt [10].
- CYP2C19-Hemmer und -Induktoren: Da CYP2C19 einen Nebenweg des Abbaus bildet, verändern Genotyp und Enzymaktivität die Clearance [5].
Faktencheck: verbreitete Behauptungen
- teilweise belegt
„Brivaracetam ist ein besser verträgliches Levetiracetam ohne Reizbarkeit“
In Beobachtungsstudien seltener Reizbarkeit, nach Umstellung von Levetiracetam besserten sich Verhaltensprobleme bei 33–83 % [8]; randomisierte Direktvergleiche fehlen in den geprüften Quellen.
- nicht belegt
„Brivaracetam verbessert die Kognition bei Gesunden“
Die einzige Studie bei Gesunden fand keinen Unterschied zu Placebo [4].
- teilweise belegt
„Brivaracetam wirkt schneller als Levetiracetam“
Schnellerer Hirneintritt und Wirkbeginn bei Tieren, schnellere SV2A-Besetzung bei Affen [3]; beim Menschen nur modelliert.
Pharmakokinetik
- Aufnahme
- Rasch aufgenommen, dosisproportionale Kinetik, Gleichgewicht nach zwei Tagen [5].
- Halbwertszeit
- In den geprüften Abstracts nicht angegeben.
- Abbau
- Hauptweg Hydrolyse zur Säure, Nebenweg Hydroxylierung über CYP2C19; Clearance bei langsamen CYP2C19-Metabolisierern verringert [5].
- Weg ins Gehirn
- Schneller Hirneintritt als Levetiracetam (Nager, Rhesusaffe; PBPK-Modell für den Menschen: Minuten statt etwa einer Stunde) [3].
Rechtlicher Status
- Deutschland
- Verschreibungspflichtig als Arzneimittel (AMVV Anlage 1, Eintrag „Brivaracetam“) [11]. Als Antiepileptikum in der EU zugelassen [1][10]; weitere deutsche Einzelheiten (AMIce) nicht eigens geprüft.
- EU
- Erstzulassung weltweit in der EU als Zusatztherapie bei fokalen Anfällen [1]; heute ab zwei Jahren zugelassen [10].
- USA
- Von der FDA als Mono- und Zusatztherapie fokaler Anfälle ab einem Lebensmonat zugelassen [10].
- Andere Länder
- Hersteller UCB Pharma [1].
Verwandte Substanzen
Offene Fragen
- Ist die geringere Reizbarkeit gegenüber Levetiracetam in randomisierten Direktvergleichen nachweisbar?
- Trägt die beschriebene Natriumkanal-Hemmung bei therapeutischen Konzentrationen zur Wirkung bei?
Referenzen
- Markham A. Brivaracetam: first global approval. Drugs. 2016;76(4):517–22. doi:10.1007/s40265-016-0555-6 · PubMed
- Gillard M, Fuks B, Leclercq K, Matagne A. Binding characteristics of brivaracetam, a selective, high affinity SV2A ligand in rat, mouse and human brain: relationship to anti-convulsant properties. Eur J Pharmacol. 2011;664(1–3):36–44. doi:10.1016/j.ejphar.2011.04.064 · PubMed
- Nicolas JM, Hannestad J, Holden D, Kervyn S, Nabulsi N, Tytgat D, et al. Brivaracetam, a selective high-affinity synaptic vesicle protein 2A (SV2A) ligand with preclinical evidence of high brain permeability and fast onset of action. Epilepsia. 2016;57(2):201–9. doi:10.1111/epi.13267 · PubMed
- Meador KJ, Gevins A, Leese PT, Otoul C, Loring DW. Neurocognitive effects of brivaracetam, levetiracetam, and lorazepam. Epilepsia. 2011;52(2):264–72. doi:10.1111/j.1528-1167.2010.02746.x · PubMed
- Stockis A, Watanabe S, Rouits E, Matsuguma K, Irie S. Brivaracetam single and multiple rising oral dose study in healthy Japanese participants: influence of CYP2C19 genotype. Drug Metab Pharmacokinet. 2014;29(5):394–9. doi:10.2133/dmpk.dmpk-14-rg-010 · PubMed
- Klein P, Schiemann J, Sperling MR, Whitesides J, Liang W, Stalvey T, et al. A randomized, double-blind, placebo-controlled, multicenter, parallel-group study to evaluate the efficacy and safety of adjunctive brivaracetam in adult patients with uncontrolled partial-onset seizures. Epilepsia. 2015;56(12):1890–8. doi:10.1111/epi.13212 · PubMed
- Lattanzi S, Trinka E, Zaccara G, Striano P, Russo E, Del Giovane C, et al. Third-generation antiseizure medications for adjunctive treatment of focal-onset seizures in adults: a systematic review and network meta-analysis. Drugs. 2022;82(2):199–218. doi:10.1007/s40265-021-01661-4 · PubMed
- Steinhoff BJ, Klein P, Klitgaard H, Laloyaux C, Moseley BD, Ricchetti-Masterson K, et al. Behavioral adverse events with brivaracetam, levetiracetam, perampanel, and topiramate: a systematic review. Epilepsy Behav. 2021;118:107939. doi:10.1016/j.yebeh.2021.107939 · PubMed
- Schoedel KA, Stockis A, Sellers EM. Human abuse potential of brivaracetam in healthy recreational central nervous system depressant users. Epilepsy Behav. 2018;78:194–201. doi:10.1016/j.yebeh.2017.09.008 · PubMed
- Lattanzi S, Chiesa V, Di Gennaro G, Ferlazzo E, Labate A, La Neve A, et al. Brivaracetam use in clinical practice: a Delphi consensus on its role as first add-on therapy in focal epilepsy and beyond. Neurol Sci. 2024;45(9):4519–27. doi:10.1007/s10072-024-07485-w · PubMed
- Verordnung über die Verschreibungspflicht von Arzneimitteln (Arzneimittelverschreibungsverordnung – AMVV), Anlage 1 (zu § 1 Nr. 1 und § 5). Stand: zuletzt geändert durch Art. 1 V v. 19.5.2026 (BGBl. 2026 I Nr. 149). Bundesministerium der Justiz [Internet]. Abgerufen am 26.10.2026. Verfügbar unter: https://www.gesetze-im-internet.de/amvv/anlage_1.html (Eintrag „Brivaracetam“).
Wie dieses Profil geprüft wurde
Stand: 2026-10-26. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.
Geprüft
- 26.10.2026 (Entscheidung n015, Prüfbericht E-20 Frage 14): `rx_referenz` gesetzt, `kategorie` bleibt Nootropikum. AMVV Anlage 1 im Volltext abgerufen (gesetze-im-internet.de, Stand: zuletzt geändert durch Art. 1 V v. 19.5.2026, BGBl. 2026 I Nr. 149): Eintrag „Brivaracetam“ ohne Ausnahme oder Einschränkung [11]; die Verschreibungspflicht steht jetzt mit Beleg in status.deutschland. Die AMIce-Formel aus dem Prüfbericht wurde nicht übernommen, weil keine Dokumentanzeige eines Präparats mit Status „zugelassen“ oder „verlängert“ gelesen wurde (Prüfbericht, Methodik 1).
- Alle 10 DOIs über Crossref und alle 10 PMIDs über PubMed aufgelöst (Prüfskript).
- Kernzahlen an Abstracts: 15- bis 30-fach höhere Affinität, EU-Erstzulassung [1]; 20-fach, Knockout, > 80 % Besetzung [2]; PS 0,315 vs. 0,015 ml/min/g, PET bei Rhesusaffen [3]; n = 16 [4]; n = 80, Hydrolyse Hauptweg, CYP2C19 [5]; n = 768, 38,9 %/37,8 % vs. 21,6 %, Schläfrigkeit 18,1 % vs. 7,7 % [6]; 16 Studien, 4507 + 2246 Teilnehmende, OR 2,02 [7]; Reizbarkeit 5,6 % vs. 9,9 %, Umstellung 33–83 % [8]; n = 44 [9].
- Im Volltext von [10]: Zulassungstexte von EMA und FDA zitiert; Kombination mit Levetiracetam als kontraindiziert bezeichnet.
- ClinicalTrials.gov: 60 Einträge zu Brivaracetam (23.10.2026).
- Präzisions-Flags (m004; Regeln Leitfaden 26.10.2026; Teilnehmendenzahlen, Richtung und Finanzierung am 26.10.2026 per PubMed efetch an Abstract, COI-Angabe und Affiliationen geprüft): „Bessere geistige Leistung bei Gesunden“: kleine_studien – [4] 16.
Nicht verifiziert
- Datum der EU- und FDA-Zulassung (EMA- und FDA-Seiten nicht erreichbar bzw. nicht geprüft).
- Natriumkanal-Hemmung: nur in der Einleitung von [4] erwähnt, Originalstudie nicht gelesen.
- Eliminationshalbwertszeit beim Menschen (nicht in den geprüften Abstracts).
- Betäubungsmittelrechtliche Einstufung in den USA.
Keine Dosierungen, keine Bezugsquellen. Diese Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung.
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