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Wirkweise
Evidenzkarte: Cerebrolysin
Cerebrolysin entsteht durch kontrollierte enzymatische Spaltung von Schweinehirn-Eiweiß. Eine massenspektrometrische Analyse einer im Internet gekauften Probe fand 638 verschiedene Peptide, überwiegend Bruchstücke von Tubulin, Aktin und Myelin-Basisprotein; Fragmente bekannter Wachstumsfaktoren wie BDNF, NGF, GDNF oder CNTF fanden sich nicht [1]. Eine zweite Analyse bestätigte Peptide aus Myelin-Basisprotein und Tubulin und sagte einzelne entzündungshemmende und antioxidative Peptide nur rechnerisch voraus [2]. Welche Bestandteile wirken, ist damit offen. Übersichtsarbeiten beschreiben die Wirkung als „wachstumsfaktorähnlich“ und als Modulation körpereigener Wachstumsfaktoren [3].
Die Mechanismusdaten stammen vor allem aus Tiermodellen. Bei Ratten nach künstlichem Schlaganfall erhöhte Cerebrolysin die Zahl neu gebildeter Vorläuferzellen in der Subventrikulärzone und verbesserte Verhaltenstests, ohne das Infarktvolumen zu verkleinern; die Zellvermehrung hing in Zellkultur vom PI3K/Akt-Signalweg ab [4]. Eine Folgearbeit führte die Neubildung von Nerven- und Myelin bildenden Zellen auf den Sonic-hedgehog-Signalweg zurück: Dessen Hemmung hob die Effekte vollständig auf [5]. In transgenen Alzheimer-Mäusen verringerte eine sechsmonatige Behandlung die Amyloidlast und die Aktivität der Kinasen CDK5 und GSK-3β, die das Amyloid-Vorläuferprotein phosphorylieren [6]. In Lymphozyten gesunder Menschen schützte Cerebrolysin im Reagenzglas vor oxidativ ausgelöstem Zelltod [7].
Klinisch ist Cerebrolysin vor allem bei Schlaganfall, Demenz und Schädel-Hirn-Trauma untersucht. Ein Cochrane-Review fand nach akutem ischämischem Schlaganfall keinen Unterschied in der Sterblichkeit, aber mehr nicht tödliche schwere unerwünschte Ereignisse [8]. Bei vaskulärer Demenz sah ein weiterer Cochrane-Review einen kleinen Vorteil bei Kognition und Gesamteindruck, bei sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit der Evidenz [9]. Zwei weitere Metaanalysen berichten Vorteile bei Alzheimer-Demenz und nach Schädel-Hirn-Trauma [10][11]; inwieweit der Hersteller beteiligt war, geht aus den Abstracts nicht sicher hervor.
Angriffspunkte
| Ziel | Typ | Wirkung | Kennwert | Evidenz |
|---|---|---|---|---|
| Sonic-hedgehog-Signalweg (Shh, Patched, Smoothened) | Signalweg | Aktivator | Tierversuch[5] | |
| PI3K/Akt-Signalweg | Signalweg | Aktivator | Labor[4] | |
| CDK5 und GSK-3β (aktive Form) | Enzym | Expression ↓ | Tierversuch[6] |
Wirkprofil
- Dopamin
- Noradrenalin
- Serotonin
- Acetylcholin
- Glutamat · AMPA
- Glutamat · NMDA
- GABA
- Histamin
- Orexin
- Adenosin
- Opioide
- Melatonin
- Neurotrophinemehr Neubildung von Nervenzellen nach Schlaganfall (Ratte); wachstumsfaktorähnliche Wirkung beschrieben[3][4][5]
- Durchblutung
- Stickstoffmonoxid
- Energiestoffwechsel
- Insulin · Glukose
- Entzündung · oxidativweniger oxidativ ausgelöster Zelltod in menschlichen Lymphozyten (Labor)[7]
- Stressachse
- Testosteron-Achse
- Endocannabinoide
- Autophagie · Seneszenz
- Immunsystem
- Lipidstoffwechsel
- Gerinnung · Fibrinolyse
- Methylierung
Studien am Menschen
Cochrane-Review: akuter ischämischer Schlaganfall
Gemessen: Gesamtsterblichkeit, schwere unerwünschte Ereignisse
Ergebnis: Kein Unterschied in der Sterblichkeit (RR 0,96; 95-%-KI 0,65–1,41); mehr nicht tödliche schwere unerwünschte Ereignisse (RR 2,39; 1,10–5,23). 7 RCTs, eine davon mit Cortexin.[8]
Mensch, randomisiert
Cochrane-Review: vaskuläre Demenz
Gemessen: MMSE/ADAS-cog+, Gesamteindruck
Ergebnis: Kleiner Vorteil bei Kognition (SMD 0,36; 95-%-KI 0,13–0,58) und Gesamteindruck; Evidenz sehr niedriger Qualität, hohes Verzerrungsrisiko.[9]
Mensch, randomisiert
Metaanalyse: leichte bis mittelschwere Alzheimer-Demenz
Gemessen: Kognition, klinischer Gesamteindruck
Ergebnis: Kognition nach 4 Wochen besser (SMD −0,40), nach 6 Monaten nicht mehr signifikant; Gesamteindruck zu beiden Zeitpunkten besser.[10]
Mensch, randomisiert
CAPTAIN-Studien: mittelschweres bis schweres Schädel-Hirn-Trauma
Gemessen: kombinierter Endpunkt aus Funktion und Neuropsychologie
Ergebnis: Kleiner bis mittlerer Effekt zugunsten von Cerebrolysin an Tag 30 und 90 (SMD 0,31 bzw. 0,34).[11]
Mensch, randomisiert
EEG und Kurzzeitgedächtnis bei Gesunden
Gemessen: EEG-Leistungsverhältnis, Kurzzeitgedächtnis
Ergebnis: EEG-Veränderungen in einzelnen Gruppen; beim Gedächtnis nur ein Trend (in der Placebogruppe etwas schlechteres Wortbehalten).[12]
Mensch, randomisiert
Einmalgabe über den Mund bei älteren Gesunden
Gemessen: EEG-Alpha-Aktivität, Gedächtnisaufgaben aus dem ADAS-cog
Ergebnis: Mehr Alpha-Aktivität und weniger Fehler im Gedächtnistest (6,9 vs. 4,9 Fehler); ohne Placebogruppe nicht von Übungseffekten zu trennen.[13]
Mensch, nicht randomisiert
Risiken und Warnhinweise
Mehr nicht tödliche schwere unerwünschte Ereignisse nach Schlaganfall
Im Cochrane-Review traten unter Cerebrolysin häufiger nicht tödliche schwere unerwünschte Ereignisse auf (RR 2,39; 3 Studien, 1335 Teilnehmende; moderate Vertrauenswürdigkeit) [8].
Mensch, randomisiert
Blutdruckabfall bei hohen Mengen
Bei Gesunden traten in der höchsten Konzentration leichte Zeichen einer zu hohen Menge und ein kleiner, signifikanter Blutdruckabfall auf [12].
Mensch, randomisiert
Unklare Zusammensetzung, Internetware
Die genaue Zusammensetzung war lange unbekannt; Cerebrolysin ist weltweit im Internet erhältlich [1]. Als ähnlich beworbene Peptidpräparate unterschieden sich im Labor deutlich in Zusammensetzung und Aktivität [14].
Labor
Herstellerbeteiligung an Studien
Der Hersteller unterstützte drei der multizentrischen Schlaganfallstudien; bei mehreren Studien war das Verzerrungsrisiko unklar oder hoch [8][9].
Mensch, randomisiert
Faktencheck: verbreitete Behauptungen
- nicht belegt
„Cerebrolysin enthält Wachstumsfaktoren wie BDNF und NGF“
In einer Probe wurden keine Fragmente bekannter Wachstumsfaktoren gefunden, sondern vor allem Bruchstücke von Struktur- und Myelinproteinen [1]. Die wachstumsfaktorähnliche Wirkung ist funktionell beschrieben, nicht als Inhaltsstoff [3].
- nicht belegt
„Cerebrolysin verbessert Gedächtnis und Konzentration bei Gesunden“
Die einzige RCT an Gesunden fand nur einen Trend [12]; die positive Studie hatte keine Kontrollgruppe [13].
- nicht belegt
„Cerebrolysin senkt die Sterblichkeit nach Schlaganfall“
Cochrane: wahrscheinlich kein Unterschied in der Gesamtsterblichkeit (moderate Vertrauenswürdigkeit) [8].
- teilweise belegt
„Cerebrolysin hilft bei Demenz“
Kleine Vorteile bei vaskulärer Demenz mit sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit [9]; bei Alzheimer-Demenz kurzfristiger Kognitionsvorteil, nach 6 Monaten nicht mehr signifikant [10].
Pharmakokinetik
- Aufnahme
- In den klinischen Studien als intravenöse Infusion [8][9]; eine Studie bei älteren Gesunden gab die Lösung über den Mund [13].
- Halbwertszeit
- Für ein Peptidgemisch nicht als Einzelwert bestimmbar; nicht verifiziert.
- Abbau
- Nicht verifiziert.
- Weg ins Gehirn
- Nicht verifiziert; welche Bestandteile das Gehirn erreichen, ist unklar.
Rechtlicher Status
- Deutschland
- Nicht verifiziert.
- EU
- Nicht verifiziert; laut einer Analyse in einigen Ländern als Arzneimittel zugelassen [1].
- USA
- Keine FDA-Zulassung bekannt; nicht verifiziert.
- Andere Länder
- Laut Cochrane-Review verbreitet in der Schlaganfallbehandlung in Russland, Osteuropa, China sowie weiteren asiatischen und postsowjetischen Ländern [8].
Verwandte Substanzen
Offene Fragen
- Welche Bestandteile des Gemischs sind für die im Tierversuch beobachteten Effekte verantwortlich, und erreichen sie das Gehirn?
- Bestätigen unabhängige, ausreichend große RCTs die Effekte bei Demenz und Schädel-Hirn-Trauma?
- Wie ist die Zunahme nicht tödlicher schwerer unerwünschter Ereignisse nach Schlaganfall zu erklären?
Referenzen
- Gevaert B, D’Hondt M, Bracke N, Yao H, Wynendaele E, Vissers JP, et al. Peptide profiling of Internet-obtained Cerebrolysin using high performance liquid chromatography – electrospray ionization ion trap and ultra high performance liquid chromatography – ion mobility – quadrupole time of flight mass spectrometry. Drug Test Anal. 2015;7(9):835–42. doi:10.1002/dta.1817 · PubMed
- Yang B, Li Y, Guo W, Zhang Q, Pan L, Duan K, et al. Optimized approach for active peptides identification in Cerebrolysin by nanoLC-MS. J Chromatogr B Analyt Technol Biomed Life Sci. 2023;1225:123755. doi:10.1016/j.jchromb.2023.123755 · PubMed
- Rejdak K, Sienkiewicz-Jarosz H, Bienkowski P, Alvarez A. Modulation of neurotrophic factors in the treatment of dementia, stroke and TBI: effects of Cerebrolysin. Med Res Rev. 2023;43(5):1668–700. doi:10.1002/med.21960 · PubMed
- Zhang C, Chopp M, Cui Y, Wang L, Zhang R, Zhang L, et al. Cerebrolysin enhances neurogenesis in the ischemic brain and improves functional outcome after stroke. J Neurosci Res. 2010;88(15):3275–81. doi:10.1002/jnr.22495 · PubMed
- Zhang L, Chopp M, Meier DH, Winter S, Wang L, Szalad A, et al. Sonic hedgehog signaling pathway mediates cerebrolysin-improved neurological function after stroke. Stroke. 2013;44(7):1965–72. doi:10.1161/STROKEAHA.111.000831 · PubMed
- Rockenstein E, Torrance M, Mante M, Adame A, Paulino A, Rose JB, et al. Cerebrolysin decreases amyloid-beta production by regulating amyloid protein precursor maturation in a transgenic model of Alzheimer’s disease. J Neurosci Res. 2006;83(7):1252–61. doi:10.1002/jnr.20818 · PubMed
- Formichi P, Radi E, Battisti C, Di Maio G, Muresanu D, Federico A. Cerebrolysin administration reduces oxidative stress-induced apoptosis in lymphocytes from healthy individuals. J Cell Mol Med. 2012;16(11):2840–3. doi:10.1111/j.1582-4934.2012.01615.x · PubMed
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- Gauthier S, Proaño JV, Jia J, Froelich L, Vester JC, Doppler E. Cerebrolysin in mild-to-moderate Alzheimer’s disease: a meta-analysis of randomized controlled clinical trials. Dement Geriatr Cogn Disord. 2015;39(5–6):332–47. doi:10.1159/000377672 · PubMed
- Vester JC, Buzoianu AD, Florian SI, Hömberg V, Kim SH, Lee TMC, et al. Cerebrolysin after moderate to severe traumatic brain injury: prospective meta-analysis of the CAPTAIN trial series. Neurol Sci. 2021;42(11):4531–41. doi:10.1007/s10072-020-04974-6 · PubMed
- Funke M, Fiehler J, Mewes I, Eiselt M, Rother I, Windisch M. Dose-dependent effects of Cerebrolysin on EEG and short-term memory of healthy volunteers during control and hyperventilation induced cerebral ischemia. J Neural Transm Suppl. 1998;53:385–98. doi:10.1007/978-3-7091-6467-9_34 · PubMed
- Alvarez XA, Lombardi VR, Corzo L, Pérez P, Pichel V, Laredo M, et al. Oral Cerebrolysin enhances brain alpha activity and improves cognitive performance in elderly control subjects. J Neural Transm Suppl. 2000;59:315–28. doi:10.1007/978-3-7091-6781-6_33 · PubMed
- Seidl LF, Aigner L. Comparing the biological activity and composition of Cerebrolysin with other peptide preparations. J Med Life. 2024;17(1):24–7. doi:10.25122/jml-2024-0129 · PubMed
Wie dieses Profil geprüft wurde
Stand: 2026-10-23. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.
Geprüft
- Alle DOIs über Crossref aufgelöst, PMIDs passen zu den DOIs.
- Am Abstract: 638 Peptide, keine BDNF/NGF/GDNF/CNTF-Fragmente, „approved … in some countries“ [1]; MBP/Tubulin, vorhergesagte Peptide [2]; PI3K/Akt, kein kleineres Infarktvolumen, ~50 % weniger TUNEL-positive Zellen [4]; Shh, Cyclopamin [5]; CDK5/GSK-3β, Amyloid [6]; Lymphozyten von 10 Personen [7]; 7 RCTs, 1773 Teilnehmende, RR 0,96 und 2,39, Herstellerunterstützung, Länderliste [8]; 6 RCTs, 597 Teilnehmende, SMD 0,36 [9]; SMD −0,40 nach 4 Wochen, n. s. nach 6 Monaten [10]; 185 Patienten, SMD 0,31/0,34 [11]; 48 Männer, Trend, Blutdruck [12]; 6,9 vs. 4,9 Fehler, keine Kontrollgruppe [13]; Nachahmerpräparate ohne relevante Aktivität [14].
- ClinicalTrials.gov: 43 Einträge zu Cerebrolysin (23.10.2026).
- Präzisions-Flags (m004; Regeln Leitfaden 26.10.2026; Teilnehmendenzahlen, Richtung und Finanzierung am 26.10.2026 per PubMed efetch an Abstract, COI-Angabe und Affiliationen geprüft): „Bessere geistige Leistung bei Gesunden“: kleine_studien – tragende RCT [12] 48; [13] unkontrolliert (niedrigere Stufe, Fallzahl im Abstract nicht genannt).
Nicht verifiziert
- Zulassungsstatus in Deutschland, der EU und den USA nicht in Registern geprüft.
- Zu [5] wurde 2025 eine Korrektur veröffentlicht (PMID 39869713); deren Inhalt ist ohne Abstract nicht geprüft.
- Teilnehmendenzahl der Alzheimer-Metaanalyse [10] und der offenen Studie [13] nicht im Abstract angegeben.
- Wer an [4], [6], [10] und [11] als Beschäftigte des Herstellers beteiligt war, ist aus den Abstracts nicht sicher ablesbar.
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