Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.

Wirkweise

Evidenzkarte: Rhodiola rosea

Jede Linie steht für einen publizierten Befund; Linienstil und Farbe zeigen, woher er stammt. Der Filter blendet schwächere Evidenzstufen aus. Quellen: siehe Referenzen.

Aus Wurzel und Rhizom von Rhodiola rosea wurden rund 140 Verbindungen isoliert, darunter Phenylethanoide wie Salidrosid und Phenylpropanoide wie die Rosavine. Eine Übersicht aus der Arbeitsgruppe, die den Extrakt SHR-5 vielfach untersucht hat, nennt als mögliche Mechanismen Effekte auf die Stressachse (Cortisolsenkung), die Stresskinase JNK, Stickstoffmonoxid und Schutzproteine wie Hsp70 [1]. Im Labor hemmten Methanol- und Wasserextrakte die Monoaminoxidasen A und B zu über 80 %; der wirksamste isolierte Stoff, Rosiridin, hemmte vor allem MAO-B [2]. In menschlichen Gliazellen regten eine Kombination aus mehreren Adaptogenen und Salidrosid die Freisetzung von Neuropeptid Y und Hsp72 an [3].

Praktisch bedeutsam ist ein Laborbefund: Extrakte aus sechs norwegischen Klonen hemmten das Leberenzym CYP3A4 und den Transporter P-Glykoprotein stärker als Johanniskraut; Wechselwirkungen mit Arzneimitteln sind daher denkbar [4].

Klinisch fand ein systematischer Review elf placebokontrollierte RCTs zu körperlicher und geistiger Leistung und psychischen Erkrankungen, bemängelte aber fehlende unabhängige Wiederholungen [5]. Ein zweiter Review bewertete alle Studien zu Erschöpfung als mit hohem oder unklarem Verzerrungsrisiko behaftet; drei von fünf RCTs zur geistigen Ermüdung waren positiv [6]. In einer Überkreuzstudie mit 56 jungen ärztlichen Fachkräften im Nachtdienst verbesserte der Extrakt in den ersten zwei Wochen einen Ermüdungsindex [7]; bei stressbedingter Erschöpfung verbesserte er Aufmerksamkeitsmaße und senkte die Cortisolreaktion nach dem Aufwachen [8]. Bei leichter bis mittelschwerer Depression unterschied er sich nicht signifikant von Placebo oder Sertralin, verursachte aber weniger Nebenwirkungen als Sertralin [9].

Angriffspunkte

ZielTypWirkungKennwertEvidenz
Monoaminoxidase A und BEnzymHemmer> 80 % Hemmung bei 100 µg/ml Extrakt; Rosiridin pIC50 5,38 (MAO-B, Labor) Labor[2]
CYP3A4 und P-GlykoproteinEnzymHemmerIC50 1,7–3,1 µg/ml (CYP3A4, Labor) Labor[4]
Neuropeptid Y und Hsp72SignalwegFreisetzung Labor[3]

Wirkprofil

Welche Botenstoffsysteme die Substanz nach heutiger Datenlage beeinflusst. ↑ verstärkt, ↓ gedämpft, ≈ moduliert, ○ kein Effekt; Punkte = Evidenzstufe.

  • Dopaminunklar · Hemmung von MAO-A und MAO-B im Labor; Bedeutung im Menschen unbekannt[2]
  • Noradrenalinkeine Daten
  • Serotoninunklar · Hemmung von MAO-A im Labor; Bedeutung im Menschen unbekannt[2]
  • Acetylcholinkeine Daten
  • Glutamat · AMPAkeine Daten
  • Glutamat · NMDAkeine Daten
  • GABAkeine Daten
  • Histaminkeine Daten
  • Orexinkeine Daten
  • Adenosinkeine Daten
  • Opioidekeine Daten
  • Melatoninkeine Daten
  • Neurotrophinekeine Daten
  • Durchblutungkeine Daten
  • Stickstoffmonoxidkeine Daten
  • Energiestoffwechselkeine Daten
  • Insulin · Glukosekeine Daten
  • Entzündung · oxidativkeine Daten
  • Stressachse↓ · geringere Cortisolreaktion nach dem Aufwachen bei stressbedingter Erschöpfung (RCT); NPY und Hsp72 in Zellen[3][8]
  • Testosteron-Achsekeine Daten
  • Endocannabinoidekeine Daten
  • Autophagie · Seneszenzkeine Daten
  • Immunsystemkeine Daten
  • Lipidstoffwechselkeine Daten
  • Gerinnung · Fibrinolysekeine Daten
  • Methylierungkeine Daten

Studien am Menschen

  • Systematischer Review aller RCTs

    systematischer Review von 11 placebokontrollierten RCTs · gemischt: Gesunde und Patienten · unterschiedlich

    Gemessen: körperliche und geistige Leistung, psychische Erkrankungen

    Ergebnis: Mögliche Vorteile, aber keine unabhängigen Wiederholungen; nur wenige milde Nebenwirkungen.[5]

    Mensch, randomisiert

  • Systematischer Review zu Erschöpfung

    systematischer Review von 10 RCTs und 1 kontrollierter Studie · gemischt · unterschiedlich

    Gemessen: körperliche und geistige Erschöpfung

    Ergebnis: Drei von fünf RCTs zur geistigen Ermüdung positiv; alle Studien mit hohem oder unklarem Verzerrungsrisiko.[6]

    Mensch, randomisiert

  • Ärztliche Fachkräfte im Nachtdienst

    RCT, doppelblind, Überkreuz · gesund (junge ärztliche Fachkräfte) · n = 56 · 2 × 2 Wochen

    Gemessen: Ermüdungsindex aus fünf Tests

    Ergebnis: Signifikante Verbesserung in der ersten Behandlungsphase; keine Nebenwirkungen berichtet.[7]

    Mensch, randomisiert

  • Stressbedingte Erschöpfung

    RCT, doppelblind, placebokontrolliert · Patienten: stressbedingtes Erschöpfungssyndrom · n = 60 · 28 Tage

    Gemessen: Burnout-Skala, Aufmerksamkeit (CCPT II), Cortisol

    Ergebnis: Besser als Placebo in Burnout-Skala und einigen Aufmerksamkeitsmaßen; geringere Cortisolreaktion nach dem Aufwachen.[8]

    Mensch, randomisiert

  • Leichte bis mittelschwere Depression

    RCT, placebokontrolliert, Vergleich mit Sertralin · Patienten: Major Depression · n = 57 · 12 Wochen

    Gemessen: HAM-D, BDI, CGI

    Ergebnis: Kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen; weniger Nebenwirkungen als mit Sertralin.[9]

    Mensch, randomisiert

Risiken und Warnhinweise

  • Arzneimittel-Wechselwirkungen über CYP3A4 und P-Glykoprotein

    Im Labor hemmte Rhodiola CYP3A4 stärker als Johanniskraut; klinisch relevante Wechselwirkungen sind möglich, aber am Menschen nicht untersucht [4].

    Labor

  • Unerwünschte Wirkungen

    In den RCTs nur wenige milde Nebenwirkungen [5]; in der Depressionsstudie seltener als unter Sertralin [9].

    Mensch, randomisiert

  • MAO-Hemmung

    Im Labor hemmen Extrakte MAO-A und MAO-B [2]; ob das beim Menschen Wechselwirkungen etwa mit serotonergen Arzneimitteln auslöst, ist nicht untersucht.

    Labor

Wechselwirkungen

  • Substrate von CYP3A4 und P-Glykoprotein: Mögliche Spiegelerhöhung durch Hemmung im Labor [4]; nicht am Menschen geprüft.

Faktencheck: verbreitete Behauptungen

  • teilweise belegt

    „Rhodiola verringert geistige Erschöpfung unter Stress“

    Einige kleine RCTs positiv, etwa im Nachtdienst [7] und bei stressbedingter Erschöpfung [8]; Reviews bemängeln Verzerrungsrisiken und fehlende Wiederholungen [5][6].

  • nicht belegt

    „Rhodiola steigert Konzentration und Gedächtnis bei ausgeruhten Gesunden“

    Die positiven Studien untersuchten Ermüdung oder Stress [7][8]; unabhängige Belege für einen Effekt ohne Belastung fehlen [6].

  • nicht belegt

    „Rhodiola wirkt antidepressiv wie ein Antidepressivum“

    In einer RCT kein signifikanter Unterschied zu Placebo oder Sertralin [9]; MAO-Hemmung nur im Labor gezeigt [2].

  • nicht belegt

    „Rhodiola hat keine Wechselwirkungen mit Medikamenten“

    Starke Hemmung von CYP3A4 und P-Glykoprotein im Labor [4]; eine Übersicht der SHR-5-Gruppe beschreibt dagegen fehlende Wechselwirkungen in klinischen Studien [1].

Pharmakokinetik

Aufnahme
Über den Mund als standardisierter Wurzelextrakt.
Halbwertszeit
Nicht verifiziert.
Abbau
Nicht verifiziert; der Extrakt hemmt im Labor CYP3A4 [4].
Weg ins Gehirn
Nicht verifiziert.

Rechtlicher Status

Deutschland
Nicht verifiziert.
EU
Nicht verifiziert.
USA
Nicht verifiziert.
Andere Länder
Traditionell in Osteuropa und Asien gegen Müdigkeit, Stress und Niedergeschlagenheit verwendet [2]; Zulassungsstatus nicht geprüft.

Verwandte Substanzen

Offene Fragen

  • Lassen sich die Effekte auf geistige Ermüdung von unabhängigen Gruppen mit geringem Verzerrungsrisiko wiederholen?
  • Sind die CYP3A4-Hemmung und die MAO-Hemmung bei üblicher Einnahme klinisch relevant?
  • Welche Inhaltsstoffe sind für die Wirkung verantwortlich, und wie vergleichbar sind verschiedene Extrakte?

Referenzen

  1. Panossian A, Wikman G, Sarris J. Rosenroot (Rhodiola rosea): traditional use, chemical composition, pharmacology and clinical efficacy. Phytomedicine. 2010;17(7):481–93. doi:10.1016/j.phymed.2010.02.002 · PubMed
  2. van Diermen D, Marston A, Bravo J, Reist M, Carrupt PA, Hostettmann K. Monoamine oxidase inhibition by Rhodiola rosea L. roots. J Ethnopharmacol. 2009;122(2):397–401. doi:10.1016/j.jep.2009.01.007 · PubMed
  3. Panossian A, Wikman G, Kaur P, Asea A. Adaptogens stimulate neuropeptide Y and Hsp72 expression and release in neuroglia cells. Front Neurosci. 2012;6:6. doi:10.3389/fnins.2012.00006 · PubMed
  4. Hellum BH, Tosse A, Hoybakk K, Thomsen M, Rohloff J, Georg Nilsen O. Potent in vitro inhibition of CYP3A4 and P-glycoprotein by Rhodiola rosea. Planta Med. 2010;76(4):331–8. doi:10.1055/s-0029-1186153 · PubMed
  5. Hung SK, Perry R, Ernst E. The effectiveness and efficacy of Rhodiola rosea L.: a systematic review of randomized clinical trials. Phytomedicine. 2011;18(4):235–44. doi:10.1016/j.phymed.2010.08.014 · PubMed
  6. Ishaque S, Shamseer L, Bukutu C, Vohra S. Rhodiola rosea for physical and mental fatigue: a systematic review. BMC Complement Altern Med. 2012;12:70. doi:10.1186/1472-6882-12-70 · PubMed
  7. Darbinyan V, Kteyan A, Panossian A, Gabrielian E, Wikman G, Wagner H. Rhodiola rosea in stress induced fatigue – a double blind cross-over study of a standardized extract SHR-5 with a repeated low-dose regimen on the mental performance of healthy physicians during night duty. Phytomedicine. 2000;7(5):365–71. doi:10.1016/S0944-7113(00)80055-0 · PubMed
  8. Olsson EM, von Schéele B, Panossian AG. A randomised, double-blind, placebo-controlled, parallel-group study of the standardised extract SHR-5 of the roots of Rhodiola rosea in the treatment of subjects with stress-related fatigue. Planta Med. 2009;75(2):105–12. doi:10.1055/s-0028-1088346 · PubMed
  9. Mao JJ, Xie SX, Zee J, Soeller I, Li QS, Rockwell K, et al. Rhodiola rosea versus sertraline for major depressive disorder: a randomized placebo-controlled trial. Phytomedicine. 2015;22(3):394–9. doi:10.1016/j.phymed.2015.01.010 · PubMed
Wie dieses Profil geprüft wurde

Stand: 2026-10-23. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.

Geprüft

  • Alle DOIs über Crossref aufgelöst, PMIDs passen zu den DOIs.
  • Am Abstract: rund 140 Verbindungen, Mechanismen, Aussage zu fehlenden Wechselwirkungen [1]; MAO-A/B-Hemmung > 80 %, Rosiridin pIC50 5,38 [2]; NPY und Hsp72 in Gliazellen, Kombinationsprodukt ADAPT-232 [3]; IC50 1,7–3,1 µg/ml für CYP3A4 [4]; 11 RCTs, keine unabhängigen Wiederholungen [5]; 11 Studien, 3 von 5 RCTs zur geistigen Ermüdung positiv, hohes/unklares Verzerrungsrisiko [6]; 56 ärztliche Fachkräfte, Überkreuz [7]; 60 Personen, CCPT II, Cortisol [8]; 57 Personen, kein signifikanter Unterschied, Nebenwirkungsraten [9].
  • ClinicalTrials.gov: 44 Einträge (23.10.2026).
  • 26.10.2026, Präzisions-Flags (m004; Regeln im Leitfaden unter „Zahlenregel und Präzisions-Flags“, Umsetzung Claude zur Bestätigung durch Tilman): „Bessere geistige Leistung bei Gesunden“: inkonsistent – laut Abstract von [6] waren 3 von 5 RCTs zur geistigen Ermüdung positiv, die übrigen nicht; [7] positiv. Kein kleine_studien, weil die Teilnehmendenzahlen der Studien in [6] im Abstract fehlen. Gegenprüfung 26.10.2026: Belege der Flags (Teilnehmendenzahlen, Richtung, Finanzierung) in die begruendung übernommen und an Abstracts bzw. Volltexten erneut geprüft.

Nicht verifiziert

  • Rechtlicher Status (z. B. traditionelles pflanzliches Arzneimittel in der EU) nicht geprüft; EMA-Seiten nicht erreichbar.
  • Ob die Arbeitsgruppe um Panossian und Wikman wirtschaftlich mit dem Hersteller von SHR-5 verbunden ist; aus den Abstracts nicht sicher ablesbar.
  • Pharmakokinetik von Salidrosid und Rosavinen beim Menschen.
  • Teilnehmendenzahlen der Studien in [6] nicht ermittelt (nur Abstract, dort ohne Zahlen); deshalb kein Flag kleine_studien bei „Bessere geistige Leistung bei Gesunden“ (26.10.2026).

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