Nachschlagewerk, keine Anwendungsempfehlung: Das Profil beschreibt Wirkmechanismus und Studienlage und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Versprechen stammen aus Werbung und Foren und werden hier geprüft, nicht vertreten.

Wirkweise

Evidenzkarte: Vinpocetin

Jede Linie steht für einen publizierten Befund; Linienstil und Farbe zeigen, woher er stammt. Der Filter blendet schwächere Evidenzstufen aus. Quellen: siehe Referenzen.

Vinpocetin ist der synthetische Ethylester der Apovincaminsäure, abgeleitet vom Alkaloid Vincamin aus dem Kleinen Immergrün (Vinca minor), und wird seit Jahrzehnten beim Menschen eingesetzt [1]. Bekannt ist es als Hemmer von Phosphodiesterasen mit Einfluss auf die Calciumregulation; zusätzlich hemmt es Entzündungsreaktionen, indem es direkt die Kinase IKK und damit den NF-κB-Signalweg blockiert, unabhängig von der Phosphodiesterase-Hemmung [2]. In isolierten Nervenendigungen des Hippocampus hemmte Vinpocetin die über Natriumkanäle ausgelöste Glutamatfreisetzung schon bei 1,5–15 µM, also bei deutlich niedrigeren Konzentrationen als mehrere Antiepileptika [3].

Bei Menschen mit akutem ischämischem Schlaganfall bremste Vinpocetin in einer kleinen randomisierten Studie die NF-κB-Aktivierung, und die neurologische Erholung war besser als mit Standardbehandlung allein [4]. Eine Metaanalyse von vier placebokontrollierten RCTs fand nach drei Monaten weniger Tod oder schwere Behinderung (RR 0,67) [5]. Bei Demenz hält ein Cochrane-Review die Evidenz aus drei alten Studien mit 583 Personen für nicht schlüssig [1].

Bei Gesunden verbesserte Vinpocetin in einer kleinen Überkreuzstudie mit zwölf Frauen nur einen Gedächtnis-Suchtest in der höchsten Stärke [6]; eine neuere Studie fand bei Gesunden und Menschen mit Epilepsie keinen kognitiven Vorteil, wobei die Blutspiegel deutlich unter denen in Tierversuchen lagen [7]. In Studien zur Embryonalentwicklung führte Vinpocetin bei trächtigen Ratten und Kaninchen zu mehr Fehlgeburten und bei Ratten zu Herzscheidewanddefekten [8].

Angriffspunkte

ZielTypWirkungKennwertEvidenz
PhosphodiesterasenEnzymHemmer Labor[2]
IKK (IκB-Kinase) / NF-κBEnzymHemmer Mensch, randomisiert[2][4]
Spannungsabhängige Natriumkanäle (präsynaptisch)IonenkanalHemmerHemmung der Glutamatfreisetzung bei 1,5–15 µM (Labor) Labor[3]

Wirkprofil

Welche Botenstoffsysteme die Substanz nach heutiger Datenlage beeinflusst. ↑ verstärkt, ↓ gedämpft, ≈ moduliert, ○ kein Effekt; Punkte = Evidenzstufe.

  • Dopaminkeine Daten
  • Noradrenalinkeine Daten
  • Serotoninkeine Daten
  • Acetylcholinkeine Daten
  • Glutamat · AMPAkeine Daten
  • Glutamat · NMDAkeine Daten
  • GABAkeine Daten
  • Histaminkeine Daten
  • Orexinkeine Daten
  • Adenosinkeine Daten
  • Opioidekeine Daten
  • Melatoninkeine Daten
  • Neurotrophinekeine Daten
  • Durchblutungunklar · Phosphodiesterase-Hemmung beschrieben; Effekte auf die Hirndurchblutung hier nicht an Primärdaten geprüft[2]
  • Stickstoffmonoxidkeine Daten
  • Energiestoffwechselkeine Daten
  • Insulin · Glukosekeine Daten
  • Entzündung · oxidativ↓ · NF-κB-Hemmung in Zellen, Mäusen und bei Schlaganfallpatienten (randomisiert, ohne Placebo)[2][4]
  • Stressachsekeine Daten
  • Testosteron-Achsekeine Daten
  • Endocannabinoidekeine Daten
  • Autophagie · Seneszenzkeine Daten
  • Immunsystemkeine Daten
  • Lipidstoffwechselkeine Daten
  • Gerinnung · Fibrinolysekeine Daten
  • Methylierungkeine Daten

Studien am Menschen

  • Cochrane-Review Demenz

    systematischer Review von 3 doppelblinden RCTs · Patienten: Demenz · n = 583 · bis 1 Jahr

    Gemessen: Kognition, Gesamteindruck, Nebenwirkungen

    Ergebnis: Hinweise auf Nutzen, aber nicht schlüssig; alle Studien vor 1990; wenige Nebenwirkungen.[1]

    Mensch, randomisiert

  • Metaanalyse akuter Schlaganfall

    Metaanalyse von 4 placebokontrollierten RCTs · Patienten: akuter ischämischer Schlaganfall · n = 837 · bis 3 Monate

    Gemessen: Tod oder schwere Behinderung, MMSE

    Ergebnis: RR 0,67 (95-%-KI 0,48–0,92) nach drei Monaten; Sterblichkeit nicht sicher verringert.[5]

    Mensch, randomisiert

  • Schlaganfall, Entzündungsmarker

    randomisiert, offen (Standardbehandlung als Kontrolle) · Patienten: akuter ischämischer Schlaganfall · n = 60 · 14 Tage Behandlung, 3 Monate Nachbeobachtung

    Gemessen: NF-κB-Aktivierung, Läsionsgröße, neurologische Erholung

    Ergebnis: NF-κB gehemmt, weniger Läsionszunahme, bessere Erholung.[4]

    Mensch, randomisiert

  • Gesunde Frauen

    RCT, doppelblind, placebokontrolliert, Überkreuz · gesund (Frauen) · n = 12 · 3 Tage

    Gemessen: Flimmerfusion, Wahlreaktionszeit, Sternberg-Gedächtnistest

    Ergebnis: Nur Sternberg-Test in der höchsten Stärke besser; übrige Tests unverändert.[6]

    Mensch, randomisiert

  • Gesunde und Menschen mit Epilepsie

    RCT, doppelblind, Überkreuz (Einzelgaben) · gesund und Patienten: fokale Epilepsie · n = 16 · Einzelgaben, bei Epilepsie danach ein Monat offen

    Gemessen: neuropsychologische Testbatterie, Blutspiegel

    Ergebnis: Kein kognitiver Vorteil; Blutspiegel niedriger als in Tierversuchen; gut verträglich.[7]

    Mensch, randomisiert

Risiken und Warnhinweise

  • Schädigung des ungeborenen Kindes (Tierversuch)

    Bei trächtigen Ratten mehr Verluste nach der Einnistung, weniger lebende Feten und dosisabhängig Herzscheidewanddefekte; bei Kaninchen ähnliche Effekte in höheren Mengen. Das Forschungsteam sieht eine mögliche Gefahr für Schwangere [8].

    Tierversuch

  • Unerwünschte Wirkungen beim Menschen

    In den Demenzstudien wenige Nebenwirkungen, aber uneinheitlich berichtet [1]; in einer kleinen Studie gut verträglich [7].

    Mensch, randomisiert

  • Rechtlicher Graubereich

    In der EU laut Übersicht Arzneimittel, als Zutat in Nahrungsergänzungsmitteln nicht zugelassen [9].

    Keine Daten

Faktencheck: verbreitete Behauptungen

  • nicht belegt

    „Vinpocetin verbessert Gedächtnis und Konzentration bei Gesunden“

    Nur ein Einzeltest in einer Studie mit zwölf Frauen besser [6]; eine neuere Studie fand keinen Vorteil [7].

  • nicht belegt

    „Vinpocetin verbessert die Hirndurchblutung“

    Phosphodiesterase-Hemmung ist beschrieben [2], Durchblutungsdaten wurden für dieses Profil aber nicht an Primärstudien geprüft; ein kognitiver Nutzen bei Gesunden folgt daraus nicht [7].

  • nicht belegt

    „Vinpocetin hilft bei Demenz“

    Cochrane: nicht schlüssig, nur alte Studien, keine Empfehlung für den klinischen Einsatz [1].

  • widerlegt

    „Vinpocetin ist als Nahrungsergänzung harmlos“

    Im Tierversuch embryotoxisch mit Fehlbildungen [8]; für Schwangere wird eine mögliche Gefahr gesehen.

Pharmakokinetik

Aufnahme
Über den Mund; Blutspiegel beim Menschen deutlich niedriger als in wirksamen Tiermodellen [7].
Halbwertszeit
Nicht verifiziert.
Abbau
Aktiver Metabolit Apovincaminsäure [7]; artspezifische Unterschiede im Stoffwechsel vermutet [8].
Weg ins Gehirn
Nicht verifiziert.

Rechtlicher Status

Deutschland
Nicht verifiziert.
EU
Laut einer Übersicht in der EU ein zugelassenes Arzneimittel, in „Nootropika“-Nahrungsergänzungsmitteln aber ein nicht zugelassener Bestandteil [9]; zur Behandlung kognitiver Störungen laut Cochrane (2003) von keiner Behörde zugelassen [1].
USA
Als Nahrungsergänzungsmittel im Handel [8].
Andere Länder
Nicht verifiziert.

Verwandte Substanzen

Offene Fragen

  • Erreichen beim Menschen übliche Mengen überhaupt Konzentrationen, die im Tierversuch wirksam sind?
  • Bestätigen größere, verblindete RCTs den Nutzen nach Schlaganfall?
  • Wie hoch ist das reale Risiko für Schwangere?

Referenzen

  1. Szatmari SZ, Whitehouse PJ. Vinpocetine for cognitive impairment and dementia. Cochrane Database Syst Rev. 2003;(1):CD003119. doi:10.1002/14651858.CD003119 · PubMed
  2. Jeon KI, Xu X, Aizawa T, Lim JH, Jono H, Kwon DS, et al. Vinpocetine inhibits NF-kappaB-dependent inflammation via an IKK-dependent but PDE-independent mechanism. Proc Natl Acad Sci U S A. 2010;107(21):9795–800. doi:10.1073/pnas.0914414107 · PubMed
  3. Sitges M, Chiu LM, Guarneros A, Nekrassov V. Effects of carbamazepine, phenytoin, lamotrigine, oxcarbazepine, topiramate and vinpocetine on Na+ channel-mediated release of [3H]glutamate in hippocampal nerve endings. Neuropharmacology. 2007;52(2):598–605. doi:10.1016/j.neuropharm.2006.09.002 · PubMed
  4. Zhang F, Yan C, Wei C, Yao Y, Ma X, Gong Z, et al. Vinpocetine inhibits NF-κB-dependent inflammation in acute ischemic stroke patients. Transl Stroke Res. 2018;9(2):174–84. doi:10.1007/s12975-017-0549-z · PubMed
  5. Panda PK, Ramachandran A, Panda P, Sharawat IK. Safety and efficacy of vinpocetine as a neuroprotective agent in acute ischemic stroke: a systematic review and meta-analysis. Neurocrit Care. 2022;37(1):314–25. doi:10.1007/s12028-022-01499-y · PubMed
  6. Subhan Z, Hindmarch I. Psychopharmacological effects of vinpocetine in normal healthy volunteers. Eur J Clin Pharmacol. 1985;28(5):567–71. doi:10.1007/BF00544068 · PubMed
  7. Meador KJ, Leeman-Markowski B, Medina AE, Illamola SM, Seliger J, Novak G, et al. Vinpocetine, cognition, and epilepsy. Epilepsy Behav. 2021;119:107988. doi:10.1016/j.yebeh.2021.107988 · PubMed
  8. Catlin N, Waidyanatha S, Mylchreest E, Miller-Pinsler L, Cunny H, Foster P, et al. Embryo-fetal development studies with the dietary supplement vinpocetine in the rat and rabbit. Birth Defects Res. 2018;110(10):883–96. doi:10.1002/bdr2.1207 · PubMed
  9. Jędrejko K, Catlin O, Stewart T, Anderson A, Muszyńska B, Catlin DH. Unauthorized ingredients in “nootropic” dietary supplements: a review of the history, pharmacology, prevalence, international regulations, and potential as doping agents. Drug Test Anal. 2023;15(8):803–39. doi:10.1002/dta.3529 · PubMed
Wie dieses Profil geprüft wurde

Stand: 2026-10-23. Alle Quellen mit DOI oder PMID wurden automatisch über Crossref bzw. doi.org und PubMed aufgelöst.

Geprüft

  • Alle DOIs über Crossref aufgelöst, PMIDs passen zu den DOIs.
  • Am Abstract: Herkunft aus Vincamin/Vinca minor, keine Zulassung für kognitive Störungen, 3 Studien, 583 Personen, nicht schlüssig [1]; IKK direkt, PDE-unabhängig, „well-known“ PDE-Hemmung [2]; 1,5–15 µM [3]; 60 Patienten, randomisiert, NF-κB, Erholung [4]; 4 RCTs, 601 + 236 Personen, RR 0,67 [5]; 12 Frauen, Sternberg-Test [6]; 8 + 8 Personen, kein Vorteil, Blutspiegel, Apovincaminsäure [7]; Fehlgeburten, Ventrikelseptumdefekte, Gefahr für Schwangere [8]; EU-zugelassenes Arzneimittel laut Übersicht [9].
  • ClinicalTrials.gov: 9 Einträge (23.10.2026).
  • 26.10.2026, Präzisions-Flags (m004; Regeln im Leitfaden unter „Zahlenregel und Präzisions-Flags“, Umsetzung Claude zur Bestätigung durch Tilman): „Bessere geistige Leistung bei Gesunden“: kleine_studien – [6] 12 Frauen, [7] 16 Personen (8 Gesunde, 8 mit Epilepsie), jeweils Abstract. Gegenprüfung 26.10.2026: Belege der Flags (Teilnehmendenzahlen, Richtung, Finanzierung) in die begruendung übernommen und an Abstracts bzw. Volltexten erneut geprüft.

Nicht verifiziert

  • Zulassungsstatus in Deutschland nicht im Register geprüft; Warnhinweise von Behörden (z. B. FDA zur Schwangerschaft) nicht an Originaldokumenten geprüft.
  • Durchblutungseffekte beim Menschen nicht an Primärstudien geprüft.
  • Halbwertszeit und Hirngängigkeit beim Menschen.

Keine Dosierungen, keine Bezugsquellen. Diese Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung.

Fehler gefunden oder etwas vermisst?

Wünsch dir einen Wirkstoff, schlag eine Verbesserung vor oder melde einen Fehler. Jede Rückmeldung wird gelesen.

Art der Nachricht

Die Website speichert nichts. Der Button öffnet dein E-Mail-Programm mit einer vorbereiteten Nachricht.